Bruno Ganz
*1941
Nicht erst seit er 1996 von Josef Meinrad den "Iffland-Ring" übernahm, zählt
Bruno Ganz zur ersten Garde deutschsprachiger Darsteller. In seiner Karriere,
die ihn vom Jungen Theater in Göttingen über Bremen an die Berliner Schaubühne
führte, spiegelt sich ein Stück bundesdeutscher Theatergeschichte. Seine
unnachahmliche Art der Textbeherrschung, seine Ernsthaftigkeit und
"Bescheidenheit, die eigentlich immer hinter dem Dichter stehen bleibt, sich nie
vordrängt" (Walther Schmidinger), nötigt Kollegen wie Regisseuren Respekt ab.

Doch nicht nur auf der Bühne, auch als Charakterdarsteller im internationalen
Film und in anspruchsvollen Fernsehspielen wusste Bruno Ganz mit der
einzigartigen Präsenz, die sein Spiel auszeichnet, zu überzeugen - ob nun in
"Der Himmel über Berlin" (1987), in "Brot und Tulpen" (2000) oder in "Väter und
Söhne" (1986) und dem TATORT "Schattenwelt" (1996).
Stationen seiner Karriere
1941 wird Bruno Ganz in Zürich geboren. Bei der Konfirmation lernt er die zehn
Gebote auswendig und trägt sie vor. "Damals", erinnert sich der Arbeitersohn,
habe "das angefangen mit der Selbstdarstellung". Kurz vor dem Abitur verlässt
Bruno Ganz die Schule und absolviert nach einem kurzen Aufenthalt in Paris am
Zürcher Bühnenstudio eine Schauspielausbildung. 1960 ist er in Karl Suters "Der
Herr mit der schwarzen Melone" erstmals im Film zu sehen. 1962 erhält Bruno Ganz
am Jungen Theater in Göttingen sein erstes Bühnenengagement. Hier, wo er "mit
seiner Schüchternheit kämpft", habe er sich dann wirklich ernsthaft mit dem
Beruf des Schauspielers auseinandergesetzt.

Von Göttingen schafft er 1964 den Sprung an das Bremer Theater, dem Zentrum des
Theateraufbruchs in den revolutionären 60er Jahren. Bis 1969 gehört er dem
Bremer Ensemble an, überzeugt in Inszenierungen von Kurt Hübner und Peter Zadek.
"Zadek war jemand, der von einem Sachen haben wollte, die nur mit der
privatesten Realität von Leuten, die 1964 vierundzwanzig Jahre alt waren, etwas
zu tun hatten", erinnert sich Bruno Ganz. "Das war die neue Erfahrung, Insofern
hat er jede Art von tradierter Ästhetik einfach zertrümmert - nebenbei."
Bekannt wird Bruno Ganz aber vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Peter
Stein. Unter seiner Regie ist er 1967 als Wurm in "Kabale und Liebe" zu sehen,
1968 als Garga in Brechts "Dickicht der Städte" und 1969 in der legendären
Inszenierung des "Torquato Tasso", die zur Keimzelle des berühmten Berliner
Schaubühnenensembles wird. Die Rolle des "Tasso" macht Bruno Ganz zum Star einer
neuen Generation von Theatermachern. Schon damals lautet sein künstlerisches
Credo: "Ich will das, was ich mir in diesen vielen Stunden vorgestellt habe -
nicht nur was meine Figur betrifft -, durchsetzen. Wenn man mich daran hindert,
dann kämpfe ich."

"Torquato Tasso" wird zum Promotor der Mitbestimmung als künstlerischer Praxis
am Theater, wie sie die Berliner Schaubühne unter Peter Stein in den 70er Jahren
umsetzt. Von 1971 bis 1975 gehört Bruno Ganz neben Jutta Lampe und Otto Sander
zu den herausragenden Interpreten und Interpretinnen des Ensembles am Halleschen
Ufer, das zum Mittelpunkt der europäischen Theaterszene avanciert. Trotz aller
Erfolge verlässt Bruno Ganz nach vier Jahren die Schaubühne. Er fühlt sich
"eingeklemmt". Und er hat andere Pläne: "Ich hatte halt diesen Traum vom Kino,
und ich wollte das auch machen." Sein Weggang wird von den Kollegen als
"richtiger Schock" (Jutta Lampe) und "als sehr schmerzlich" (Werner Rehm)
empfunden.

Doch Bruno Ganz ist entschlossen, seinen Traum zu verwirklichen. Von 1975 an
steht er mehrere Jahre ausschließlich vor der Kamera. Er ist in Eric Rohmers
"Die Marquise von O." zu sehen, arbeitet mit Wim Wenders ("Der
amerikanische Freund"), Werner Herzog ("Nosferatu") und Reinhard Hauff ("Messer
im Kopf") zusammen. Ob er der bessere Theater- oder Filmschauspieler ist, daran
scheiden sich die Geister. "Das große Talent von Bruno Ganz" sei "ganz auf der
Bühne zu finden", meint Peter Stein. Reinhard Hauff ist dagegen überzeugt:
"Bruno ist wirklich ein genialer Theaterschauspieler. Aber er kann auch das
andere. Wenn er die richtigen Rollen hat, dann ist er auch als Filmschauspieler
wunderbar."
Bruno Ganz selbst lässt sich nicht festlegen. 1982 kehrt er als Gast an die
Berliner Schaubühne zurück und übernimmt die Titelrolle in Klaus Michael Grübers
"Hamlet"- Inszenierung. 1985 überzeugt er unter der Regie von Peter Stein als
Oberon in Botho Strauß' "Der Park". Bei den Salzburger Festspielen begeistert er
in Peter Handkes Neubearbeitung der Aischylos-Tragödie "Der gefesselte
Prometheus". Im Kino ist er u.a. in den Wim-Wenders-Filmen "Der Himmel über
Berlin" (1987) und in "In weiter Ferne, so nah!" (1993) zu sehen. Dem
Fernsehpublikum ist der vielseitige Mime durch seine Rollen in Filmen wie "Väter
und Söhne" (1986) und dem TATORT "Schattenwelt" in Erinnerung.
Als Bruno Ganz 1996 im Wiener Burgtheater den Iffland-Ring erhält, feiert ihn
das Publikum mit Ovationen. Der Schauspieler Josef Meinrad hatte ihn
testamentarisch als Nachfolger bestimmt. "Dieser Ring hat mich stabilisiert",
sagt Bruno Ganz. "Ich bin seither nie mehr in solche Selbstzweifel und andere
Löcher versunken wie früher." Neben dem Iffland-Ring wurde Bruno Ganz für seine
herausragenden darstellerischen Leistungen mit einer Reihe von Preisen
ausgezeichnet, u.a. mit dem Hans-Reinhart-Ring der Schweizer Gesellschaft für
Theaterkultur (1991) und dem Bremer Filmpreis (1998).

Bruno Ganz, der in den Jahren 2000 bis 2001 als "Faust" in Peter Steins
22-stündiger Inszenierung von Goethes Tragödie zu sehen war (Uraufführung auf der
EXPO 2000 in Hannover) - war jüngst in aller Munde, aufgrund der Darstellung
Adolf Hitlers in "Der Untergang".